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Blutzuckerspitzen: Von Gipfel zu Gipfel

Hohe Zuckerwerte können viele Ursachen haben. Mit Spürsinn und Geduld kommen Sie ihnen auf die Spur


Bei gesunden Menschen steigt die Blutzuckerkonzentration nach einer Mahlzeit auf etwa 140 mg/dl. Höhere Blutzuckerwerte bezeichnen Mediziner als "Hyperglykämie"

Klar gibt es sie, diese "Super-Diabetiker", bei denen immer alles wie am Schnürchen läuft. Deren Blutzucker-Kurven aussehen wie das norddeutsche Flachland: höchstens hier und da ein kleines Hügelchen. Bei vielen anderen erinnert das Blutzuckertagebuch dagegen eher an den Himalaya – nur dass sich statt Achttausendern ein "Zuckergipfel" an den nächsten reiht.

Leicht erhöhte Blutzuckerspiegel von etwa 160 bis 180 mg/dl (8,9 bis 10 mmol/l) bleiben oft unbemerkt. Steigen die Werte weiter, scheidet der Körper Zucker über den Urin aus. Mögliche Folgen: Man muss oft zur Toilette, hat viel Durst und fühlt sich müde.

Steigt der Blutzuckerspiegel regelmäßig in schwindelnde Höhen, kann das zahllose Ursachen haben. Die wichtigsten haben wir hier für Sie zusammengestellt.


Zu wenig Insulin oder Tabletten


Ein häufiger Grund für hohe Blutzuckerwerte sind vergessene Diabetes-Tabletten oder Insulininjektionen. Auch wenn Sie zum Essen versehentlich zu wenig Insulin gespritzt haben, kann der Blutzucker deutlich steigen. Sind die Werte morgens zu hoch, ist vielleicht die Dosis der am Abend genommenen Diabetes-Tablette oder des am Vortag gespritzten  Basalinsulins zu niedrig.

Das hilft: Besprechen Sie mit Ihrem Arzt die Insulin- oder Tablettendosis – eventuell muss sie erhöht werden. Wer zum Essen Insulin spritzt, dem verhilft manchmal ein längerer Abstand zwischen Spritze und Essen ("Spritz-Ess-Abstand") zu besseren Werten (weil das Insulin dann bereits seine "volle Wirkstärke" erreicht hat, wenn die Kohlenhydrate im Blut ankommen). Auch der Wechsel von herkömmlichem Normalinsulin auf ein schnell wirkendes Analoginsulin kann einen Versuch wert sein, weil der Wirkverlauf bei diesen etwas anders ist (Analoginsuline wirken schneller, die Wirkdauer hält kürzer an).

Wer Basalinsulin spritzt, kommt ebenfalls mitunter mit einem lang wirkenden Analoginsulin (Wirkstoffe: Glargin oder Detemir) besser zurecht als mit herkömmlichem Verzögerungsinsulin (NPH-Insulin).

Für Diabetiker, die mit Tabletten behandelt werden, gilt: Bleiben die Werte trotz einer Dosiserhöhung oder einer Kombination zweier Wirkstoffe zu hoch, wird es Zeit für eine Insulintherapie.


Essen falsch eingeschätzt


Haben Sie mehr gegessen als gewöhnlich – oder den Kohlenhydratgehalt einer Mahlzeit unterschätzt – können die Blutzuckerwerte nach dem Essen ebenfalls zu hoch sein.

Das hilft: Schulen Sie Ihren Blick für Kohlenhydrate – denn die sind es, die den Blutzucker in die Höhe treiben. Dabei helfen Tabellen mit den Portionsgrößen, die jeweils einer Broteinheit (BE) oder einer Kohlenhydrateinheit (KE) entsprechen (eine BE entspricht 12 Gramm Kohlenhydraten, eine KE 10 Gramm). Ideal: die Angabe in Küchenmaßen wie "ein Esslöffel" und Abbildungen der BE/KE-Portionen. Fragen Sie beim Arzt danach.


Dawn-Phänomen


Der Körper schüttet in den frühen Morgenstunden vermehrt Hormone aus, die auch den Blutzucker erhöhen können (unter anderem Wachstumshormon und Kortisol). Meist steigen die Blutzuckerwerte deshalb ab etwa vier Uhr früh an – was auch als "Dawn Phänomen" (engl. dawn = Morgendämmerung) bezeichnet wird. Es macht sich vor allem bei Typ-1-Diabetes bemerkbar. Schlafstörungen und Stress können das Dawn-Phänomen verstärken. In der Pubertät ist es oft besonders ausgeprägt.

Das hilft: Wer herkömmliches Verzögerungsinsulin (NPH-Insulin) verwendet, sollte es möglichst erst gegen 23 Uhr spritzen. So erreicht es seine stärkste Wirkung erst frühmorgens. Manchmal hilft der Wechsel auf ein lang wirkendes Analoginsulin. Klappt das nicht, kann eine Insulinpumpen-Therapie sinnvoll sein. Die Pumpe lässt sich so programmieren, dass sie frühmorgens mehr Insulin abgibt.


Unterzuckerung


Als Reaktion auf eine Unterzuckerung schüttet der Körper Hormone aus, die den Blutzucker erhöhen. Manchmal schießt er dabei über das Ziel hinaus. Hohe Morgenwerte können daher zum Beispiel die Folge einer unbemerkten nächtlichen Unterzuckerung sein. "Oft bleiben die Werte dann den ganzen Vormittag erhöht", sagt Diabetologe Dr. Eckhard Klör aus Frankfurt am Main.

Das hilft: Finden Sie die Ursache für die Unterzuckerungen heraus – Ihr Arzt hilft Ihnen dabei. Eventuell muss die Insulin- oder Tablettendosis angepasst werden. Um nächtlichen Unterzuckerungen vorzubeugen, kann es sinnvoll sein, vor dem Schlafengehen einen etwas höheren Zuckerwert zu akzeptieren oder ein bis zwei langsame BE/KE zu essen. Das gilt vor allem, wenn man intensiv Sport getrieben oder Alkohol getrunken hat, denn beides erhöht das Risiko für Unterzuckerungen (beim Sport verbrauchen die Muskeln mehr Zucker; Alkohl hemmt die Zuckerneubildung in der Leber und die Freigabe von Zucker aus der Leber).

Bei einer leichten Unterzuckerung genügen meist ein bis zwei "schnelle" BE/KE, um den Blutzucker ausreichend anzuheben. Schnell bedeutet: die Kohlenhydrate müssen rasch ins Blut übertreten. Ideal sind zum Beispiel Traubenzuckertäfelchen oder Limonade (aber keine Diät- oder Light-Limo!). Fett verzögert die Zuckeraufnahme, daher ist z.B. Schokolade weniger geeignet, um tiefe Werte rasch zu korrigieren.


Viel Fett und Eiweiß


Nicht nur Kohlenhydrate, sondern auch Fett und Eiweiß können den Blutzucker erhöhen. Denn der Körper wandelt einen Teil davon in Zucker um. Wenn Sie viel Fett und Eiweiß essen, wie Käse oder Wurst, können die Zuckerwerte etwa drei bis fünf Stunden nach der Mahlzeit steigen.

Fett verlangsamt zudem die Aufnahme der Kohlenhydrate ins Blut. Daher kann auch nach einer gleichzeitig fett- und kohlenhydratreichen Mahlzeit (typisch: Pizza) der Blutzucker verzögert steigen. Den Einfluss von Fett und Eiweiß merken vor allem Typ-1-Diabetiker. Bei Typ-2-Diabetes reicht die Insulinproduktion meist aus, um den verzögerten, Fett- und Eiweiß-bedingten Anstieg abzufangen.

Das hilft: Weniger Fett und Eiweiß essen. Wer Insulin spritzt, kann mit dem Diabetologen sprechen, wie er die Dosis auch an den Fett- und Eiweißgehalt seiner Mahlzeiten anpassen kann. Pumpenträger können die Pumpe so programmieren, dass sie das zum Essen nötige Insulin oder einen Teil davon über einen längeren Zeitraum abgibt ("verlängerter Bolus").


Falsche Spritztechnik


Wenn Sie Ihr Insulin immer in die gleiche Stelle spritzen oder die Pennadel zu selten wechseln, kann das Gewebe verhärten oder verdicken. Dadurch gelangt das Insulin nur ungleichmäßig ins Blut, außerdem steigt der Insulinbedarf. Bei einer zu kurzen Nadel kann Insulin aus der Einstichstelle zurücklaufen. Außerdem können sich Quaddeln in der Haut bilden, aus denen das Insulin verzögert ins Blut gelangt.

Das hilft: Wechseln Sie die Einstichstelle und die Pennadel bei jeder Injektion. Halten Sie immer drei Zentimeter Abstand zur letzten Einstichstelle. Spritzen Sie nicht in verhärtete Stellen und Spritzhügel. Fragen Sie Ihren Arzt oder Diabetesberater nach der richtigen Nadellänge.


Insulin kaputt


Gefriert Insulin, verliert es seine Wirkung. Auch Hitze und Sonnenbestrahlung schaden dem Insulin.

Das hilft: Lagern Sie unbenutztes Insulin im Kühlschrank bei vier bis acht Grad – nicht in der Nähe des Gefrierfachs. Angebrochenes Insulin können Sie bis zu vier Wochen verwenden. Schützen müssen Sie es allerdings vor Temperaturen über 37 Grad, direktem Sonnenlicht und vor Gefrieren. Tragen Sie Ihren Pen also bei frostigen Temperaturen möglichst nahe am Körper, etwa in der Innentasche Ihrer Jacke. Sieht Ihr Insulin plötzlich anders aus als sonst (zum Beispiel Schlieren), werfen Sie es weg.


Sport


Normalerweise senkt Sport den Blutzucker. "Bei großer Anstrengung schüttet der Körper allerdings Stresshormone aus, die den Blutzucker erhöhen können", sagt Diabetologe Dr. Eckhard Klör. Auch wenn man vor dem Sport, um eine Unterzuckerung zu vermeiden, zu viel Kohlenhydrate isst oder die Insulin- bzw. Tablettendosis zu stark verringert, kann der Zucker steigen.

Steigt der Blutzucker beim Morgensport vor dem Frühstück, reicht vielleicht die Wirkung am Vortag gespritzten Basalinsulins nicht mehr.

Das hilft: Fragen Sie den Arzt, wie Sie Ihre Therapie am besten anpassen. Messen Sie bei längerer körperlicher Aktivität zwischendurch den Blutzucker, um Entgleisungen rechtzeitig zu erkennen.

Wer Insulin spritzt und vor dem Frühstück Sport treibt, sollte den Arzt fragen, ob er eine kleine Dosis schnell wirkendes Insulin braucht (dazu unbedingt Kohlenhydrate essen, z. B. eine Banane, damit es nicht zu einer Unterzuckerung kommt).


Erhöhter Insulin- oder Tablettenbedarf


Bei Fieber werden Stresshormone freigesetzt, die den Blutzucker erhöhen. "Auch Medikamente wie Kortison können die Werte steigen lassen – in geringerem Ausmaß auch die blutdrucksenkenden Betablocker und harntreibende Medikamente", sagt Diabetologe Dr. Klör.

Wenn man zunimmt oder sich weniger bewegt, sprechen die Zellen schlechter auf Insulin an, sodass der Blutzuckerspiegel steigt. Auch vor der Periode kann der Insulinbedarf erhöht sein.

Das hilft: Kontrollieren Sie Ihren Blutzucker insbesondere bei Infekten oder zu Beginn einer Therapie mit Medikamenten, die den Zucker beeinflussen können, häufiger. Passen Sie die Dosis des Insulins oder der blutzuckersenkenden Tabletten in Rücksprache mit dem Arzt an.



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Daniela Pichleritsch / Diabetes Ratgeber; 16.01.2012
Bildnachweis: Thinkstock/iStockphoto, W&B/Brigitte Sporrer, W&B/Marcel Weber, Jupiter Images/FRENCH PHOTOGRAPHERS ONLY, W&B/Birgit Sporrer, W&B/SPL, Thinkstock/Wavebreak Media, Thinkstock/Goodshot, W&B/Michael Volkert, W&B/Christine Schneider

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